Vorzeigeprojekt ‘Energie-Autarkie’ auf Nordseeinsel Pellworm gescheitert

Millionengrab der Erneuerbaren-Ideologie in der Nordsee

Hochgejubelt von allen Chefideologen der Republik, aller Welt zur Nachahmung empfohlen wird das teure und ineffiziente Projekt abgewickelt.

DIE WELT

Nordsee-Experiment

Einmal Energiewende und zurück

von Birger Nicolai

Pellworm sollte zum Modell für ganz Deutschland werden: E.on wollte auf der Nordseeinsel beweisen, dass sich eine ganze Region selbst mit Energie versorgen kann – dank Strom aus Windkraft und Sonne. Jetzt zieht der Energiekonzern unverrichteter Dinge wieder ab.

Werner Wulf wirkt ziemlich wichtig, wenn er von “Redox-Flow” oder “Lithium-Ionen” spricht. Oder wenn er über die Speicherkapazitäten seines “Mastercontroller” fabuliert, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
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Dieses Autarkieversprechen wurde durch allerlei Prominenz aus Wirtschaft und Politik flankiert. Schließlich ist ganz Deutschland auf der Suche nach Erfolgen in Sachen Energiewende. Und da wäre es doch toll, die Energie aus erneuerbarer Stromerzeugung, die es im Norden der Republik im Überfluss gibt, über das ganze Land zu verteilen.

Davor jedoch muss das große Problem der Speicher gelöst werden. Denn weil der Strom nicht nur dann verbraucht wird, wenn sich die Windräder drehen, müssen riesige Speicher entwickelt werden, um eine gleichmäßige Energieversorgung sicherzustellen. Wie unter dem Brennglas sollte Pellworm den Beweis dafür antreten, dass das gelingen kann. Die Insulaner waren damals stolz auf das Projekt. Es gab eine nie gekannte Aufbruchstimmung. Pellworm als Blaupause für ganz Deutschland, vielleicht sogar für die ganze Welt. Das klang gut.
Zu gut, wie sie heute wissen. Das Ziel der Autarkie wurde verfehlt. E.on hat das Projekt abgeschlossen und wird bald weiterziehen. Zurück bleibt eine Insel, der große Hoffnungen und Versprechungen gemacht wurden, die sich ganz und gar nicht erfüllt haben
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Der Knackpunkt des Projekts, die Selbstversorgung Pellworms mit Energie, wird in dem kürzlich veröffentlichten Ergebnispapier nur nebenbei erwähnt: “So können 97 Prozent des Verbrauchs auf Pellworm aus vor Ort erzeugter erneuerbarer Energie gedeckt werden”, heißt es dort. Diese Zahl zeigt das Dilemma der Energiewende: Pellworm erzeugt mit dem Bürgerwindpark, der Biogasanlage und der Fotovoltaikanlage dreimal so viel Energie, wie die Inselbewohner selbst verbrauchen – Tendenz steigend. Größte Energieabnehmer sind das Schwimmbad und die Landwirtschaftsbetriebe. Die teuren Batteriespeicher sollten nun zusammen mit den dezentralen Speichern in den Haushalten erreichen, dass dieser gewaltige Energieüberschuss an 365 Tagen im Jahr zur Selbstversorgung ausreicht.

Genau das aber funktioniert nicht: An jedem Tag bleiben auf Pellworm rein rechnerisch für 43 Minuten die Lichter aus oder die Melkmaschinen stehen. Um auch diese letzten drei Prozent der Vollversorgung zu erreichen, müsste die Zahl der Batterien vervielfacht werden. Dafür wären viele zusätzliche Millionen Euro nötig. Dabei besagt der Bericht schon für die jetzige Ausstattung, dass “derzeit keines der Modelle die Investitionskosten der Großspeicher deckt”. Die Stillstände der Anlage – weil ein Sensor kaputt oder die Klimaanlage ausgefallen war – sind dabei noch gar nicht eingerechnet.
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Was die Pellwormer am meisten schmerzt, ist die Tatsache, dass mit dem vielen Geld kein einziger Arbeitsplatz auf der wirtschaftlich darbenden Insel entstanden ist. Die Handwerksarbeit wurde an Betriebe auf dem Festland vergeben. Die Softwareentwicklung und Auswertung der Messdaten übernahmen beteiligte Projektpartner etwa an der Universität in Aachen oder im Fraunhofer-Institut. Für die Pellwormer hat sich der Auftrieb nicht ausgezahlt. Die Installationen in ihren Häusern, die Stromspeicher und die Stromzähler, sind inzwischen wieder abgebaut worden.
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Pellworm gehört zu den zehn ärmsten Gemeinden Schleswig-Holsteins, die Insel erlebt teilweise die Probleme eines Dritte-Welt-Landes: Sie verfügt über Rohstoffe und Ressourcen, doch die Energie oder die Agrarerzeugnisse werden an Land veredelt. Wertschöpfung findet auf dem Festland statt. Gewinne daraus fließen nicht in die Hände der Pellwormer, Gewerbesteuern fallen in anderen Gemeinden an. Von mehreren Dutzend Bauernhöfen sind zwölf Agrarbetriebe übrig geblieben. Die Hälfte von ihnen hat noch keinen Nachfolger. Die Insel droht auszusterben.
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Alles lesen:
http://hd.welt.de/Wirtschaft-edition/article163730226/Einmal-Energiewende-und-zurueck.html


 

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