Festmist

Kapitel 1

Ich gülle, also bin ich

„Kühä? Aufe Fälder? Warum das denn? Meine Fälder brauch’ ich für meine Güllä!“
Heini Güllhuber, in seiner bäuerlichen Schlichtheit selbst seinen güllianischen Mitbewohnern nicht ganz geheuer, schnaubte empört. „Kühä auf meine Fälder – nä!“
Wie konnte sich dieser Scheißstädter erlauben, ihm zu sagen, wie und wo er seine Kühe zu halten hatte. Heini Güllhuber dachte zwar nicht so kompliziert, aber das Resultat war das selbe.
„Meinen Feldern.“
„Dassin’ nich’ DEINEN FÄLDER! Dassin’ MEINEN FÄLDER!“
„Genitv ins Wasser, Dativ.“
„Tu’ ich nich’, ich kann nich’ schwimm’.“
„Vergiß es. Was ich sagen wollte war, daß Kühe auf Weiden mit frischem Gras gehören. Es ist nicht natürlich, daß Kühe das ganze Jahr im Stall stehen.“
„Du spinnst Herr…?“
„von Dackel. Anton von Dackel.“
„Du spinnst Herr von Dackel. Kühä wer’n ’m Stall gebor’n, leb’n ’m Stall un’ sterb’n ’m Stall un’ damit basta!“
Heini Güllhuber war von seiner Argumentationskette derart begeistert, daß er seinem Gegenüber noch ein gepfeffertes „Nä!“ vor die Füße warf.
Wie viele Güllianer neigte er dazu, sehr viele Buchstaben zu verschlucken, was dazu führte, daß Güllianer ganze Debatten unausgesprochen ließen. Es hatte schon etwas Sonderbares, wenn sich zwei oder drei Güllianer zehn oder zwanzig Minuten schweigend gegenüberstanden und dann plötzlich wutentbrannt aufeinander einschlugen.
Anton von Dackel ließ Heini Güllhuber einfach stehen. Ihn, den großen güllianischen Komponisten nicht zu erkennen, mochte vielleicht noch mit dem feinen Güllenebel zu entschuldigen sein, der den ganzen Planeten überzog. Aber seinen Namen nicht zu kennen. Und dann noch zu glauben, er sei ein Scheißstädter. Wie jeder wußte, kam er aus Hassengau. Immerhin hatte er unzählige der Hassengauer Gassenhauer komponiert.[1]
Heini Güllhuber blickte ihm nach. „Was für’n aufgeblas’n’r F’tzke.“ dachte er und setzte sich wieder auf seinen Trecker. ‚Irgendwoher kenns’u den Kerl’ dachte Heini und summte leise ‚Es ist noch Gülle da’ vor sich hin.
Welche Freude bereitete es doch, hinter sich aus dem Gülleanhänger dieses pumpende und mahlende Geräusch zu hören, wenn die Gülle in weitem Bogen über Entwässerungsgräben und Kanäle hinweg auf den Boden platschte.
Die Sonne versuchte verzweifelt, sich einen Weg durch den Güllenebel zu bahnen. So entstand eine gedämpfte Atmosphäre, wie sie so oft auf dem Planeten zu erleben war. Heini dachte darüber nach, in Ermangelung eines besseren Wortes nannte er das, was er gerade tat denken, warum die Gülle in diesem Jahr so viel besser war als in anderen. Selten bildete sie einen so feinen Nebel und das Aroma war betörend. „Da ham wi’aber richt’g frische Ware“ murmelte er begeistert vor sich hin.
Es waren wohl die Sonne, die Hitze und der liebliche Duft der frisch versprühten Gülle, die Heini schläfrig werden ließen. Das monotone Pumpen und Mahlen hinter ihm taten ihr übriges und er fiel in einen tiefen, seligen Schlaf, der jäh ein Ende fand, als der Trecker in einen Entwässerungsgraben fuhr. Erschrocken rieb Heini sich die Augen, als plötzlich eine Horde güllianischer Kinder um die Wegesbiegung kam. Laut lachend riefen sie „Wenn Heini auf’m Trecker flennt, hat er’s Güllen verpennt.“
Sonderbare Töne ausstoßend, die eine Schimpfkanonade sein sollten, sprang er von seinem Gefährt und betrachtete sich das Malheur.
Sein Trecker und der Gülleanhänger waren auf der linken Seite komplett in einen Entwässerungsgraben gerutscht. Keine Möglichkeit, das Gespann mit dem fast vollen Anhänger aus dem Graben zu bekommen. Dem Gespött der anderen Güllianer wollte er sich nicht aussetzen und so entschloß er sich schweren Herzens, die Gülle in den Graben zu pumpen. Kurze Zeit später waren Trecker und Gülleanhänger wieder frei. Einige Meter weiter im querverlaufenden Entwässerungskanal waren mehrere Dutzend Fische so frei, das Zeitliche zu segnen, als sie versuchten, in dieser hochkonzentrierten Jauche zu atmen.
Von alldem bekam Heini nichts mit und er fuhr, immer noch fluchend, zurück, um seinen Gülleanhänger wieder zu befüllen. Zum Glück war nichts beschädigt und er mußte nicht zum Schmied, der sicher vielsagend geschmunzelt hätte. Am Abend im Dorfkrug hätte er garantiert in sehr viele schmunzelnde Gesichter geblickt.
„Das wird aber auch Zeit mein Lieber.“
Wenn Gesche Güllhuber ‚mein Lieber’ sagte, bedeutete das nichts gutes. „Die Viechä ’m Stall brauch’n was zu fress’n, Der Stall muß ausgemist’ wer’n un’n Fes’mis’ muß’u au’ noch umlagern.“ Da war es wieder, das Gefühl, die falsche Frau zur falschen Zeit geheiratet zu haben.
Aber es war ihr Vater, Karl Georg Feinherb, der das Geheimnis vom perfekten Festmist entdeckte. Über Jahrzehnte hinweg hatte er alle Feste und Feierlichkeiten im weiten Umkreis mit seinem Mist beliefert. Vor einigen Jahren drang die Kunde vom vorzüglichen Feinherbmist bis zum Güllenden Kaiser. Dieser sandte seinen besten Mistmacher, Obermistkerl Fred Schleimgraben, aus, um prüfen zu lassen, ob es tatsächlich einen Güllianer gab, dessen Festmist noch besser war, als der seine.
Zwei Wochen später kam der Obermistkerl mit einem kleinen Paket Feinherbmist an den Hof zurück und erstattete dem Güllenden Kaiser sofort Bericht.
„Eure Ex’llenz, ich muß gesteh’n, daß’as der bes’e Fes’mis’ is’, den ich je geseh’n hab’.“ Der Obermistkerl neigte im Allgemeinen nicht zur Euphorie, aber bei diesem Festmist geriet er ins Schwärmen. Später sagte er sich immer wieder, daß er diesen verdammten Mist nicht so sehr hätte loben sollen.
Der Güllende Kaiser bestellte Karl Georg Feinherb zum Kaiserlichen Mistkerl und verlieh Ihm den Titel „Hüter des Kaiserlichen Misthaufens“. Seit diesem Tag durfte Karl Georg Feinherb jedes Jahr am Hofe die Feierlichkeiten zum Verrückten Gras mit Festmist beliefern. Immerhin schaffte es der ehemalige Obermistkerl nach vielen Jahren, sich bis zum ersten Mistumschichter hochzuarbeiten.
Gesche Güllhuber würde ihrem trotteligen Ehemann dieses Geheimnis bestimmt nicht anvertrauen. Nach sieben oder acht Bieren und ebenso vielen Klaren im Dorfkrug wäre das Geheimnis nicht mehr lange ein Geheimnis und ihr recht lukratives Einkommen dahin, obwohl Bier und Korn in ausreichender Menge hierbei durchaus eine wichtige Rolle spielten.
„Gülliger Gott, ich beeil’ mich ja.“ murmelte Heini und trottete los. Als Heini außer Sichtweite war, machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit. Heute war Dienstag und er würde bestimmt nach Schei fahren, um ein Radio zu kaufen. Immerhin war heute Halli und Galli Tag.
Gesche Güllhuber blickte ihrem Mann nach, schüttelte den Kopf, notierte sich im Geiste ‚viel Bier, viel Korn’, machte vorsichtshalber noch einen Knoten ins Taschentuch und ging ins Haus. Es war schließlich kurz vor halb sechs und in ein paar Minuten begann ‚Rate fix sonst kriegst Du nix’. Die Ratesendung im Radio für die Güllianerin von heute mit Halli und Galli.
„Liebe Gäste im Studio und natürlich auch zu Hause, wir heißen Sie herzlich willkommen zu unserer heutigen Ratesendung ‚Rate fix sonst kriegst Du nix’. Unser Rateteam besteht heute aus vier Damen, die Ihnen, liebe Hörerinnen, bestimmt ein Begriff sein werden. Bitte begrüßen Sie mit uns Frau Beate Sprühnaß, Beraterin des Güllenden Kaisers in Umweltfragen“. Es folgte zaghafter Applaus und vereinzelte Buhrufe. „Frau Hedi Dumm, unsere Miss Gülle des letzten Jahres“. Tosender Applaus. „Frau Beatrice Weißer, Buchautorin und Frauenrechtlerin“. Vereinzeltes Klatschen, übertönt von Gemurmel und einzelnen Pfiffen. „Und schließlich Jessica Yvonne Drögenbüttner, sozusagen eine von Ihnen, liebe Zuhörerinnen. Frau Drögenbüttner ist Vorsitzende des Vereins „Güllen leichtgemacht“[2] aus Niederqual. Einem beschaulichen kleinen Kirchflecken in Hochgüllen mit hundertvierundzwanzig Einwohnern und achtundsiebzig Gülleanhängern. Nun wollen wir aber auch gleich beginnen. Die Regeln sind bekannt. Jeder gibt seine Antwort auf eine Frage. Richtige Antworten werden mit 10 Punkten belohnt. Wer dreimal hintereinander falsch geantwortet hat, muß die Raterunde leider verlassen.“
„Wie hieß der erste Güllende Kaiser? – Frau Drögenbüttner?“ Halli und Galli konnten es sich nicht nehmen lassen, die Fragen synchron zu stellen, was, auf Grund der unterschiedlichen Tonlagen wie Fingernägel auf einer Tafel klang.
„Ignazius Detlef Friesenkötter.“ sagte Frau Drögenbüttner im Radio ohne zu zögern.
„Das is’ falsch! Du blöde Kuh.!“ brüllte Gesche Güllhuber. „Gallo Grünlich wa’ de’ ers’e Güllende Kaiser!“. Heini hörte am Festmisthaufen das wiehernde Gekreische seiner Frau und war insgeheim froh, noch reichlich Arbeit vor sich zu haben.
Nun war Frau Sprühnaß an der Reihe. „Gallo Bläulich oder so ähnlich zumindest.“ „Bläulich – das paß’u Dir, Du Schlampe. Grünlich is’ richtig. GRÜNLICH“ Gesche Güllhuber kam langsam in Fahrt.
Im Radio waren die Stimmen von Halli und Galli zu hören. „Wie lautet Ihre Antwort Frau Weißer?“
„Bläulich wa’ das nich’. Weißlich auch nich’, das wüßt’ich. Das wa’ eher Grünlich. Genau. Gallo Grünlich hieß er.“
„Woher weiß die’nn das?“ Gesche war verblüfft.
„Und nun zu Ihnen, Frau Dumm.“
„Äh, Manni das Wiesel? Oder wa’ des Otto von Windeltal? Nee, des wa’ doch …. Nee halt, Manni wa’s.“
Aus dem Radio ertönte brüllendes Gelächter und es dauerte eine Weile bis Halli zu Galli sagen konnte „Wer wohl recht hat? Fragen wir doch mal die Jury.“. Jemand räusperte sich und eine sonore Stimme sagte „Der erste Güllende Kaiser wurde der ‚Blaue Gallo’ genannt, da er im gelben Licht immer bläulich schimmerte. Dies hatte die Ursache in seiner grünlichen Gesichtsfarbe, weswegen er vor seiner Ernennung zum ersten Güllenden Kaiser ‚Gallo Grünlich’ genannt wurde.“
„Siehsde, hab’ ich doch Recht g’habt. Ha!“ Gesche Güllhuber sah sich schon als Siegerin der Ratesendung.
„Geboren wurde er aber unter dem Namen Ignazius Detlef Friesenkötter.“ Es war Applaus zu hören und Frau Drögenbüttner wurden 10 Punkte gutgeschrieben.
Gesche Güllhuber knallte das Radio in die Ecke, wo es mit einem lauten Krachen in tausend Stücke zerbrach. Sie stürmte aus dem Haus und schrie quer über das Land in Richtung Festmisthaufen „Heini, fah’ nach die Scheißstädter hin un’ besorg ’n Radio. Aber eins, das nich’ immä so’n Mis’ erzählt. Wenn Du zurück bis’, feg ’n Dreck in’er Küche auf..“ Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu „Un’ laß Dich nich’ wiedä vollauf’n.“ Sie ging zurück ins Haus, setzte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Zum Glück gab es ‚Der Ratefuchs’ mit Angie und Guido.
Normalerweise waren güllianische Männer nicht sonderlich begeistert, wenn ihre Frauen sie herumkommandierten, Heini machte da aber eine Ausnahme. Er war immer hocherfreut, so lange wie möglich so weit wie möglich dem Hof fernbleiben zu können. Und man konnte über die Scheißstädter sagen was man wollte, Bier konnten sie brauen.

[1] „Es ist noch Gülle da / Ist das nicht wunderbar / Das freut die Omama / Und auch den Opapa“ – Wer sonst hätte auf solche Zeilen voller bäuerlicher Freude kommen können? [zurück]
[2] Bemerkenswerterweise hatte Jessica Yvonne Drögenbüttner noch nie auf einem Trecker gesessen. Da ihr Mann Kevin Fynn aber pausenlos vom Güllen schwärmte, machte sie sich dessen Ratschläge zu Nutze und stach damit bei der Wahl zum Vereinsvorsitz des Vereins „Güllen leichtgemacht“ die Altbäuerin Magdalena Maria Anna Henriette Olga Klotzberta Babette Rosa Ute Florentine Ilse Josepha Lotte Erika Paula Wilhelmine Innocencia Gundelinde Zenta Walpurga Isolde Edeltraut Gretchen Dolores Kunigunde Maledetta Ofenrohr aus. Böse Zungen behaupteten später, sie hätte nur gewonnen, da ihr Name einfacher zu schreiben war. [zurück]