Der Vortrag „Die Rechnung ohne den Wirt gemacht?“, den Prof. Dr. Dr. h.c. Ortwin Renn am 17. Januar 2026 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zur Akzeptanz der Windkraft gehalten hat und den man nun auch auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=7JycwfK6iq4) anhören kann, zeigt, wie sehr sich die Wissenschaft in den Dienst der Politik stellt. Renn beginnt mit einer sehr treffenden Analyse des kollektiven Bewusstseins der Bürger. Sie fühlen sich als Spielball von Transformationsprozessen, erleben die Kolonisierung ihrer Umwelt, sehen sich fremdbestimmt und haben das Vertrauen in die Eliten verloren, da sie die Auffassung vertreten, dass die Eliten in ihrem eigenen materiellen Interesse handeln.
Renn erwähnt nicht, dass die in den Auffassungen der Bürger enthaltene Analyse der Machtsverhältnisse vor noch nicht allzu langer Zeit noch von sehr vielen Wissenschaftlern vertreten wurde, als nämlich die Wissenschaftsfinanzierung noch anders organisiert war und Politik, Wirtschaft und Stiftungen des Finanzkapitals die Inhalte der Wissenschaft noch nicht in dem Maße bestimmten, wie es heute der Fall ist.
Durch den gesamten Vortrag zieht sich als Leitfaden die Unterscheidung zwischen den Experten, die die Inhalte der gesellschaftlichen Transformationsprozesse festlegen, und der Masse der Bürger, denen diese Politik vermittelt werden muss und die sie zu akzeptieren haben.
Dass es tatsächlich sachliche Argumente gegen den Einsatz der Windkraft (Ausrottung strenggeschützer Arten, die gegen europäisches Recht und das Grundgesetz verstößt, verfassungswidrige Körperverletzung durch Infraschall, Schädigung des Eigentums durch Entwertung der Immobilien usw.) geben könnte, zieht Renn keinen Augenblick lang in Erwägung. Für ihn ist klar, wer Recht und wer Unrecht hat und welcher Weg der einzig richtige und einzig mögliche ist.
Renn hat bei verschiedenen Diskussionen zwischen Windindustrie moderiert, wie er immer wieder betont. Wie kann er aber moderieren, wenn seine eigene Position feststeht und er sich Neutralität in dieser Diskussion nicht einmal vorstellen kann?
Für ihn reduziert sich die ganze Frage der Akzeptanz auf ein rein psychologisches Problem oder, um es genauer zu sagen, um ein Problem der Manipulation. Renn erörtert in dem Vortrag, welche Techniken eingesetzt werden müssen, um die Akzeptanz herbeiführen, d.h. um den Bürgern ein positives Gefühl zu vermitteln, nämlich das Gefühl, geschätzt zu werden, fair behandelt zu werden, Nutzen zu ziehen und zu glauben, selbstwirksam zu sein. Es geht keinen Augenblick lang darum, dass die Bürger tatsächlich geschätzt und fair behandelt werden, dass sie realen Nutzen ziehen und in der Tat selbst mitwirken können.
Die Berliner Zuhörer erfahren aus diesem Vortrag, dass die Zustimmung zur Windkraft sehr groß wäre. 78%-90% der Bürger wollen die Windräder überhaupt und 60-80% wollen sie in Wohnnähe, erklärt Renn den Städtern im Namen der Wissenschaft: „Wir kennen wenig Technologien, die so eine hohe Zustimmung haben.“
Warum wollen Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen denn nun plötzlich angesichts der bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt die Flächenziele kippen?
Renn, der davon ausgeht, dass die Bürger die Windkraftanlagen überhaupt und sogar vor ihrer Haustür haben wollen, erklärt nicht, warum die Planungshoheit der Gemeinden aufgehoben worden ist und warum die Anwohner kein Veto gegen den Bau von Windkraftanlagen in ihrem Lebensumfeld haben, warum in Deutschland die nur die Umweltschutzverbände, die zu Windkraftlobbyverbänden gemacht worden sind, und nicht alle einzelnen Bürger ein Klagerecht gegen naturwidrige Eingriffe haben, wie es die Aarhus-Konvention von 1998 regelt.
Renn gaukelt den Stadtbewohnern vor, dass die Gemeinden ein Mitbestimmungsrecht hätten. Er tut so, als ginge es im Einzelfall nicht darum, ein Windkraftprojekt um jeden Preis durchzudrücken, sondern als handle es sich bei dem Genehmigungsverfahren um eine ergebnisoffene Situation, als würde die Frage diskutiert: „Welche Energieformen können sich eignen für diesen Ort?“
Er sagt: „Die Bürger und Bürgerinnen müssen offen sein für verschiedene Lösungen.“ Er sagt nicht, dass sie letztlich nur für eine einzige Lösung offen sein müssen und dass ihre Antagonisten, die Projektfirmen und deren Lobbyisten, ihrerseits überhaupt nicht für verschiedene Lösungen offen sein müssen.
Renn sagt, dass „diejenigen, die dagegen sind, sich besonders gut organisieren“. Aber sind die Politiker, die Windlobby und die sich in ihren Dienst stellenden Journalisten und Wissenschaftler, die Unterstützung durch den Staat und die EU erfahren, nicht viel besser organisiert als Bürger, die den Kampf für den Schutz ihrer Umwelt ohne jegliche Unterstützung in ihrer Freizeit führen?
Renn behauptet, dass Akzeptanz durch Bürgerbeteiligung erreicht werden könne. Damit meint er natürlich nur finanzielle Bürgerbeteiligung, nicht Mitbestimmung. Mitbestimmung kommt in seinem szientistisch-autoritären Demokratieverständnis nicht vor. Obwohl es laut Bundesverband Windenergie in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, im Saarland, in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern von Politik und Presse gefeierte Länderbeteiligungsgesetze gibt, sagt Renn: „Wenn man tatsächlich Bürgerbeteiligung einführen würde…“
„Kommunikation und Bürgerbeteiligung als Schlüssel zum Erfolg“ lautet Renns Devise. Wessen Erfolg?
Aber die Bürger wollen laut Renn ja gar nicht mitbestimmen, mitentscheiden und mitgestalten. Sie wollen Gefühle vermittelt bekommen, sie wollen gehört werden, sie wollen Empfehlungen abgeben dürfen. Sie wollen manipuliert werden.
Renn unterscheidet zwischen dem, „was die Experten wollen“, und dem, „was die Bürger und Bürgerinnen gerne hätten“. Überraschend endet Renn mit einem Zitat von John Dryzek: „Wer seinen Bürgern zutraut, dass sie ihre eigenen Belange vernünftig regeln können, wird selten enttäuscht. Aber den Politikern fehlt es meist an diesem Zutrauen.“ Bis dahin hat nichts in seinem Vortrag darauf hingedeutet, dass Prof. Dr. Dr. h.c. Renn, der Menschen als Manipulationsobjekte ansieht, will, dass die Bürger ihre eigenen Belange vernünftig regeln.


